Was sind denn die Hebel für die textile Abfallvermeidung und warum liegt der Fokus auf dem Recycling?

Der viel zitierte Recyclinganteil von lediglich einem Prozent aller Alttextilien soll deutlich erhöht werden. Recycling gilt dabei als ein wesentlicher Hebel, um textile Abfälle zu reduzieren und Ressourcen zu schonen. Neben der Forderung, den Recyclinganteil zu steigern, steht jedoch eine weitere Erwartung im Raum: Recyclingfasern sollen Primärfasern möglichst gleichwertig sein, sowohl hinsichtlich ihrer Qualität als auch ihres Preises.

Dabei fehlt es nicht nur an den notwendigen technologischen Voraussetzungen. Auch die Nachfrage nach Recyclingmaterialien ist bislang nicht ausreichend entwickelt. Gerade diese Nachfrage wäre jedoch ein entscheidender Treiber, um Investitionen zu ermöglichen, Technologien weiterzuentwickeln und neue Recyclingkapazitäten aufzubauen.

Die Anforderungen stehen somit in einem Spannungsverhältnis. Während die Politik höhere Recyclingquoten fordert, kämpfen Unternehmen, die Recyclingfasern anbieten, um wirtschaftliche Tragfähigkeit und teilweise um ihr Überleben. Die Technologie soll verfügbar sein, das Material soll konkurrenzfähig sein und die Nachfrage soll wachsen. Doch diese Faktoren bedingen einander und entwickeln sich nicht unabhängig voneinander.


Wenn Recycling zur Ausrede für fehlende Veränderung wird

Neben den technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen des Recyclings gibt es weitere Möglichkeiten, das Ziel der Abfallvermeidung zu erreichen. Diese scheinen jedoch zunehmend aus dem Blick zu geraten. Vielleicht auch, weil die Aussage, Recycling sei technisch oder wirtschaftlich noch nicht umsetzbar, ein vergleichsweise einfaches Argument darstellt. Andere Maßnahmen würden hingegen tatsächliche Veränderungen in bestehenden Prozessen und Geschäftsmodellen erfordern.

Solange die vermeintlich vielversprechendste Handlungsoption noch nicht funktioniert, lässt sich eine Veränderung bestehender Strukturen aufschieben. Gleichzeitig hemmt die mangelnde Nachfrage die technologische Entwicklung und bremst damit Innovation. Es entsteht ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis, das den Fortschritt erschwert und möglicherweise auch deshalb bestehen bleibt, weil es die Notwendigkeit grundlegender Veränderungen bislang nicht ausreichend sichtbar macht.


Abfallvermeidung muss Vorrang haben

Dabei liegen wesentliche Hebel zur Abfallvermeidung bereits viel früher in der textilen Wertschöpfungskette.

Eine möglichst hohe Recyclingmenge darf nicht selbst zum regulatorischen Ziel werden. Nach der Abfallhierarchie und aus Sicht der Ressourceneffizienz hat die Vermeidung von Abfällen Vorrang vor ihrer nachgelagerten Verwertung. Das gilt insbesondere für Produktionsabfälle. Eine bessere Produktionsplanung, eine effizientere Materialausnutzung und die Vermeidung von Ausschuss können dazu beitragen, dass insgesamt weniger textile Abfälle entstehen.

Eine Bewertung der Kreislaufwirtschaft allein anhand steigender Recyclingmengen würde diesen Effekt nicht angemessen erfassen. Im Gegenteil könnte eine Verringerung der Produktionsabfälle statistisch sogar als geringerer Recyclingbeitrag erscheinen, obwohl sie ökologisch sinnvoll ist. Entscheidend sollte deshalb nicht die absolute Menge des recycelten Materials sein, sondern die tatsächlich eingesparte Ressourcenmenge und die damit verbundene Umweltentlastung.

Darüber hinaus müssen die eingesetzten Fasern, die daraus entstehenden Stoffströme und deren tatsächliches Kreislaufpotenzial berücksichtigt werden. Große Materialströme können aufgrund ihrer Mengen einen erheblichen ökologischen Hebel bieten, sofern die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine Kreislaufführung gegeben sind.

Polyester ist hierfür ein relevantes Beispiel. Als eine der weltweit am häufigsten eingesetzten Faserarten entsteht daraus langfristig ein entsprechend großer Abfallstrom. Gleichzeitig bestehen grundsätzlich verschiedene werkstoffliche und rohstoffliche Recyclingverfahren, mit denen Polyester wieder in den Materialkreislauf zurückgeführt werden kann.

Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass eine einzelne Faserart oder ein bestimmtes Recyclingverfahren pauschal ökologisch vorzuziehen ist. Naturfasern und Synthesefasern weisen unterschiedliche Umweltwirkungen entlang ihres Lebenszyklus auf. Eine belastbare Bewertung muss daher den gesamten Lebenszyklus und den jeweiligen Anwendungskontext berücksichtigen.


Kreislauffähigkeit beginnt bei der Produktentwicklung

Der entscheidende Hebel liegt letztlich darin, die Verwertung bereits bei der Produktentwicklung mitzudenken.

Welche Materialien werden eingesetzt? Wie sind sie miteinander kombiniert? Welche Möglichkeiten bestehen, das Produkt nach seiner Nutzung wieder aufzubereiten oder in einen neuen Kreislauf zu überführen? Und wer kann diesen Kreislauf tatsächlich schließen?

Der Teufel liegt wie so oft im Detail. Was sich jedoch bereits frühzeitig berücksichtigen lässt, ist die Frage nach dem Ende der Nutzung eines Produkts. Wer schon während der Produktentwicklung und der Materialentscheidung eine Antwort darauf findet, wie das Produkt später verwertet werden kann, schafft die Voraussetzung dafür, es tatsächlich im Kreislauf zu führen.

Abfallvermeidung beginnt damit nicht erst am Ende der textilen Wertschöpfungskette. Sie beginnt mit der Entscheidung, was und wie produziert wird.

 

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